10. Jul 2020 • Pressemitteilung 

„Ich werde gegen die Entwürdigung vorgehen: für mich und für meine Geschwister.“ (PM von EOTO e.V. zum Rossmann-Rassismusvorfall)

Berlin, 08.07.2020 - EOTO e.V.

Genau drei Tage, nachdem über Tausend Menschen gegen Anti-Schwarze Polizeigewalt in Berlin auf die Straße gehen, gerät ein Diskriminierungsfall in die Presse, der die alltägliche Realität anti-Schwarzer, systematischer Diskriminierung musterhaft unterstreicht. Die Betroffene wird von ReachOut und EACH ONE in ihrem Empowerment-Prozess unterstützt.

Vanessa H., eine Schwarze Frau, wird am 09.06.2020 in einer Berliner Filiale der Drogeriemarkt-Kette Rossmann von der Kassiererin rassistisch diskriminiert: Weil ihr Name auf der Karte, mit der die Kundin bezahlen möchte, „deutsch“ klinge und nicht zu einer Schwarzen Person passe, wird ihr Kartenmissbrauch unterstellt. Die Situation eskaliert, als die Filialleiterin den Betrugsvorwurf bekräftigt und Vanessa H. vorwirft, eine „Rassismuskarte“ zu ziehen, als diese die Diskriminierung zur Sprache bringt. Vanessa H. entscheidet sich, die Polizei zu rufen. Diese treibt die Diskriminierung indessen auf eine neue Eskalationsstufe: Ohne sie anzuhören unterstellt der Beamte der Geschädigten, zu lügen, beleidigt sie, schreit sie an und droht ihr auf der Basis frei erfundener Vorgangsweisen mit Gefängnis.

Die Betroffene wird bei der Opferberatungsstelle ReachOut Berlin, die auf rassistische Polizeidiskriminierung und -gewalt spezialisiert ist, und EACH ONE, der Antidiskriminierungsberatung für Schwarze Menschen bei EOTO e.V., in ihrem Empowerment-Prozess unterstützt. Hier geht es zum einen um die Retablierung ihrer Würde. So wird sie rechtsanwaltlich begleitet, und geht in unterschiedlichen Verfahren juristisch gegen die Diskriminierung durch Rossmann sowie Polizei vor.

Zum anderen behält Vanessa H. das große Ganze im Blick und bettet ihren eigenen Widerstand in die Schwarze Bewegung ein. Schließlich ist sich darüber bewusst, dass die Beweislage, Solidarität und Aufmerksamkeit, die ihr im vorliegenden Fall zugutekommen, nicht selbstverständlich sind. Anti-Schwarzer Rassismus ist in der Regel unsichtbar. Dies bestärkt sie, den Weg einzuschlagen – für sich selbst – für ihre Geschwister, zum Beispiel die, die ebenfalls bei Rossmann diskriminiert wurden oder ähnliche Erfahrungen mit der Polizei machen.

Céline Barry, Antidiskriminierungsberaterin bei EACH ONE, reflektiert: „An Vanessa H.s Geschichte können wir viel lernen: 1. Diskriminierung beginnt bei der Idee einer weißen Nation, 2. Kriminalisierung ist eine zentrale Dimension des Anti-Schwarzen Rassismus, 3. die Situation eskaliert, wenn Betroffene sich Rassismus nicht gefallen lassen, 4. sie laufen Gefahr, zusätzlich diskriminiert zu werden, wenn sie die Polizei einschalten, 5. Rassismusvorwürfe werden gewaltsam unterdrückt, 6. Schwarze Menschen sind an der Wurzel gesellschaftlicher Veränderung zur Überwindung von Rassismus.“

Am 15.07.2020 um 18h30 veranstaltet die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) die Online-Diskussion „Racial Profiling – Alltäglicher Ausnahmezustand“, bei der Vanessa H. neben anderen Betroffenen ihre Perspektiven teilen. Mehr Infos unter: www.kop-berlin.de.

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Kontakt:
Céline Barry
celine.barry@eoto-archiv.de, 0178 652 07 16